ABC der Minderheiten: A wie Assimilation

In diesem Konzentrat werden Begriffe erklärt, die sich um Minderheiten, ihre Sprache, Kultur und Traditionen drehen.

Deutsch

Assimilation bedeutet Anpassung

Der Begriff Assimilation ist wahrscheinlich heute fast jedem geläufig. Er wird oftmals im Bereich der Migration verwendet und beschreibt dabei schlichtweg die Anpassung einer minderheitlichen Gruppe an die Mehrheitsgesellschaft. Jedoch ist Assimilation viel vielfältiger als eine reine Anpassung einer vermeintlich minderheitlichen Gruppe an eine Mehrheitsgruppe.

Assimilation kann dabei auf zwei verschiedenen Ebenen betrachtet werden:

  • kulturwissenschaftlich, wenn es darum geht, dass Menschen sich kulturell anpassen und Teile ihrer eigenen Kultur aufgeben, um Teil der Mehrheitskultur zu sein und

  • sprachwissenschaftlich, wenn es darum geht, dass Menschen ihre Sprache so assimilieren, dass sie Teile oder ihre gesamte Herkunftssprache aufgeben, um sich so an die Mehrheit anzupassen.

Die Anpassung oder Angleichung einer Minderheit an die Mehrheit hat also mehrere Dimensionen, die sich verschieden auf das Leben einer Minderheit auswirken können, vor allem zum Nachteil der Minderheit. Denn eine Angleichung erfolgt immer nur durch Aufgabe eines eigenen Anteils, beispielsweise der Herkunftssprache oder spezieller Traditionen, die dann nicht mehr ausgeübt werden.

Dabei kann eine Anpassung freiwillig oder sogar unbewusst erfolgen, indem Menschen beispielsweise Stück für Stück Sprachanteile der Mehrheitssprache übernehmen, ohne das vielleicht aktiv wahrzunehmen. Assimilation kann aber auch durch Druck erfolgen, wenn bestimmte Mechanismen von Unterdrückung durchgeführt werden, um die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft zu erzwingen.

Anpassung muss keine Einbahnstraße sein!

Doch muss festgehalten werden, dass Assimilation keine Einbahnstraße sein muss, denn sowohl die Kultur als auch die Sprache funktionieren in beide oder mehrere Richtungen durchlässig, gerade in peripheren Gebieten der Systeme. So sind unter anderem ja auch die diversen aufkommenden Anglizismen, die wir mittlerweile überall auf der Welt in Sprachen finden, auch eine Art der Assimilation an eine globalisierte Kultur, eine sogenannte Transkultur, die als Überbau funktioniert.

Der deutschsprachige Raum als Kultursphäre ist davon nicht ausgenommen. Nicht umsonst besitzt die deutsche Sprache etliche Slavismen wie Grenze, Gurke, Steppe oder Plauze (regional für „dicker Bauch“). Das gilt aber natürlich auch für andere Kontaktsprachen wie das Türkische, Arabische, Französische etc.

Letztlich kommt es darauf an, was die Gesellschaft aus der Assimilation genau macht. Drucksituationen sind selten gut und führen dazu, dass Minderheiten unterdrückt werden und somit für beide Seiten unschöne Situationen entstehen. Eine beidseitige Assimilation kann aber dazu führen, dass das innergesellschaftliche Verständnis verbessert wird und die Gesellschaftsgruppen so einen besseren Weg zueinander finden.

Beispiel: Assimilation der Slaven in Deutschland

Ein eindringliches Beispiel für beide Seiten der Assimilation ist die wechselseitige Geschichte der Slaven im heutigen Deutschland. Die Geschichte der Slaven auf dem heutigen Gebiet der BRD begann bereits im 6. Jahrhundert, also etwa 600 Jahre vor der Kolonisation durch die deutschsprachige Bevölkerung. Doch mit dem Beginn dieser Kolonisation ging ein langwieriger und sehr aktiver Assimilationsprozess einher, der dazu führte, dass weite Teile der autochthonen slavischen Bevölkerungsgruppen soweit assimilierte, dass sowohl die Kultur als auch die Sprache gänzlich aufgeben worden sind. Heute zeugen bei den ehemals sorbischen Familien oft nur noch sorbische Familiennamen wie Noack, Kretzschmar oder Krahl vom slavischen Ursprung.

Ein kleiner Teil dieser autochthonen slavischen Gruppen ist heute noch in den beiden Lausitzen in Sachsen und in Brandenburg zu finden, wo einige Tausend Sorben noch sorbisch sprechen und die sorbische Kultur pflegen. Doch auch die übriggeblieben Sorben sind nicht vor den Globalisierungszügen geschützt und so assimilisieren sich sorbischsprachige Menschen zunehmend, sodass die Sprecherzahl von Sorbischsprechenden immer weiter sinkt, gerade niedersorbische Dialekte sowie ober- und niedersorbische Grenzdialekte sind akut vom Aussterben bedroht.

Die Assimilation ist auch aktiv im sorbischen Wortschatz spürbar, denn in alltäglichen Sprachsituationen tauchen immer wieder Germanismen auf. Der Einfluss der deutschen Sprache reicht soweit, dass die Jahrhunderte dazu führten, dass sie sich auch grammatisch niederschlug. Das Deutsche hat zwar auch Lehnwörter aus dem Sorbischen aufgenommen, jedoch führten die Mehrheitsverhältnisse dazu, dass das Sorbische immer weiter zurückgedrängt worden ist. Nicht zuletzt Sprachverbote seit Beginn der deutschen Ostkolonisation und spätestens ein generelles Sprachverbot unter der Herrschaft der Nazis sorgten für weiteres aktives Zurückdrängen und hatten eine starke Assimilation zur Folge.

 

Du möchtest deine Texte auf einer solidarischen Plattform teilen? Werde Teil der Polylux-Community. 

 

Das könnte dir auch gefallen:

Redaktion Polylux

Wir sind die Redaktion vom Online-Medium Polylux. Uns gibt es seit Mai 2024. Wir veröffentlichen hier gemeinsam Artikel unter dem Namen „Redaktion Polylux”.

Weiter
Weiter

Wie geht es mit Polylux weiter?